VideoMarkt
Britisches Drama um eine junge Muslimin, die sich nach den Anschlägen vom 11. September mit der Ablehnung ihrer Kollegen konfrontiert sieht.
Blickpunkt: Film
Culture-Clash, der Aufeinanderprall der Kulturen. Ein politisches Schlagwort, das längst seinen Weg ins Kino gefunden hat. 'Gegen die Wand' ließ Faith Akin seine deutsch-türkischen Helden laufen, während in 'Kick It Like Beckham' die fußballbegeisterte indische Heldin ihrer Leidenschaft nur im Geheimen nachgehen durfte und dafür zu Hause fast eine Rote Karte erhielt. Einmal Drama, einmal Komödie, beide Male war das Publikum begeistert. Jetzt folgt 'Yasmin', die Geschichte einer pakistanischen Einwanderin, die sich längst als Engländerin fühlt - bis die Anschläge von 9/11 ihre Welt aus den Angeln heben. Schwere Kost, gut konstruiert und sauber umgesetzt. Ein Arthaus-Tipp mit Potenzial.
Spätestens seit 'East Is East' (1999) weiß der Freund britischer Filmkunst ob der Probleme pakistanischer Einwanderer. Vom Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne, vom Konflikt, den die in Großbritannien geborenen Kindern mit ihren immigrierten, den alten Sitten und Kulturen verhafteten Eltern austragen. Fremde sind sie im eigenen Land, 'Pakis', 'Curryfresser', obwohl sie bereits auf 'der Insel' geboren wurden. Junge Frauen wie Pinky Bhamra aus '...Beckham', Meemha Khan aus 'East Is East' oder nun Yasmin aus dem gleichnamigen Film, allesamt gespielt von Archie Panjabi, dem englischen 'Shooting Star 2005'.
Als Yasmin verkörpert sie nun eine selbstbewusste Einwanderin der zweiten Generation, die in Nordengland lebt. Der Vater betreibt eine kleine Reparaturwerksatt, genießt als Vorsteher der örtlichen Moschee in der Gemeinde hohes Ansehen, träumt von einem Häuschen in der alten Heimat Pakistan. Die Mutter ist tot, der kleine Bruder dealt und interessiert sich sonst vor allem für Sex. Als Sozialhelferin ist die junge Frau bei den Kollegen beliebt und wechselt auf dem Weg zur Arbeit regelmäßig Schleier gegen Jeans. Gerade hat sie sich einen Traum erfüllt, ein gebrauchtes Cabrio gekauft.
Eine heile Welt? Wären da nicht diese kleinen Irritationen, z.B. der etwas zurückgebliebene Cousin Faysal. Den hat Yasmin, um ihren Vater nicht zu verletzen, auf dem Papier geheiratet, damit dieser britischer Staatsbürger werden kann. Oder der Alkohol, den sie ihres Glaubens wegen im Pub immer heimlich wegschüttet. Da schlagen die Flugzeuge im World Trade Center ein. Engländer wie Pakistanis reagieren panisch, aggressiv. Faysal wird ohne Grund verhaftet, im Gefängnis misshandelt. Al-Kaida-Sympathisanten rufen zum Widerstand auf, Yasmin wird gemobbt. Sie muss Stellung beziehen. Ob sie will oder nicht.
Unter anderem ausgezeichnet mit dem Preis der ökumenischen Jury des Filmfestival von Locarno und dem 'European John Templeton Film Award 2004', den auch schon Barbara Albert und Aki Kaurismäki gewannen, besticht 'Yasmin' durch die exakte Schilderung der Lebensverhältnisse von Immigranten. Regisseur Kenny Glenaan und sein Drehbuchautor Simon Beaufoy nehmen die Position des neutralen Beobachters ein, meiden eindeutige Parteinahmen wie beispielsweise die Kollegen Mike Leigh oder Ken Loach. Von Entwurzlung zeugt das Werk, berichtet von der Suche nach den eigenen Wurzeln sowie von der Konfrontation zwischen 'liberaler' westlicher Kultur und 'radikalen' islamischen Ideen. Die Figuren stehen stellvertretend für Ideen und Lebensanschauungen, etwas zu didaktisch vielleicht, etwas schablonenhaft. Dennoch: Man bekommt ein Gefühl für die Personen. Versteht den rigiden, eigentlich 'guten' Vater und seine 'aufgeklärte' Tochter, begreift (bis zu einem gewissen Punkt) die Übergriffe der Polizei und kann die Begeisterung der jungen Muslime, sich als 'heilige Krieger' zu verpflichten, nachvollziehen.
Obwohl in der britischen Gesellschaft angesiedelt, funktioniert das Thema universell. Genauso wie die Bilder von Industrielandschaften und endlosen Reihenhaussiedlungen austauschbar sind. Grau herrscht als Farbe vor, Trostlosigkeit bestimmt den Alltag, entsprechend deprimierend die allgemeine Stimmung. Ein Soziogramm, ein Bericht zum Stand der Dinge. Nicht Unterhaltung, sondern Aufklärung. Kino mit Tiefgang, mit Botschaft ohne erhobenen Zeigefinger. Selten genug. geh.
Alle Rezensionen